Berlin, gib Fläche!

Der öffentliche Raum gehört allen. Aber wer in Berlin ein Free Open Air veranstalten will, stößt schnell gegen dieselbe Wand: keine Flächen, keine Zuständigkeit, kein Weiterkommen. Dabei sind Free Open Airs ein kulturelles Merkmal Berlins. Nicht-kommerziell, niedrigschwellig, offen für alle, kein Ticket und keine Türpolitik. Sie stärken den öffentlichen Raum als Ort gelebter Demokratie, Begegnung und Mitbestimmung. Wer dabei ist, gestaltet mit.
Clubs und Kollektive stehen unter wachsendem ökonomischen Druck, Kulturförderungen werden gekürzt, Räume für experimentelle Formate und Nachwuchs fallen immer mehr weg, und Orte, an denen seit Jahrzehnten Free Open Airs (FOAs)stattgefunden haben, verschwinden durch Nachverdichtung und Nutzungskonflikte. FOAs bieten einen kostenfreien Zugang zu Kultur. Doch genau dieser Freiraum fehlt.
Eine Mauer der Bürokratie
Das Paradoxe daran: Die rechtliche Grundlage für Grünflächen existiert bereits. Seit 2023 verpflichtet das Grünanlagengesetz (§ 6 Abs. 2) Berlins Bezirke ausdrücklich, Flächen für nicht-kommerzielle Veranstaltungen, Kunst, Kultur und Livemusik auszuweisen. In der Praxis passiert das jedoch nicht. Wer fragt, bekommt immer wieder dieselbe Antwort: Keine Flächen verfügbar. Oft wird dabei auf die Erholungsfunktion von Grünflächen verwiesen, während gemeinschaftliche Kultur auch einen Erholungswert hat.
Berlins zweistufige Verwaltung macht es (un)möglich: In jedem der zwölf Bezirke gibt es eigene Zuständigkeiten, eigenes Ausführungspraktiken, eigene Hürden. Das Ergebnis ist ein intransparentes, zersplittertes System, das kleine Kollektive und Nachwuchsveranstaltende systematisch ausbremst. Und wer ohne Genehmigung veranstaltet, riskiert Strafen bis zu 5.000 €.
Wir fordern klare Rahmenbedingungen, die das Veranstalten ermöglichen statt blockieren
- 2-3 ausgewiesene Flächen pro Bezirk innerstädtisch und weiter außerhalb
- Vereinfachte, transparente Genehmigungsverfahren und Anmeldung statt monatelange Antragsstrecke
- Klare Nutzungsbedingungen, an die Flächen angepassten Nutzungsbedingungen in Flächensteckbriefen
- Eine Ermöglichungskultur statt pauschaler Verbote
Ausgewiesene Flächen senken Hürden auf struktureller und ökonomischer Ebene. Sie schaffen mehr sichere, legale Räume in der Stadt. Für marginalisierte Personen ist der Sicherheitsaspekt dabei besonders relevant, denn klare Rahmenbedingungen und zugewiesene Orte machen es möglich.
Vom Konzept auf die Straße
Die Clubcommission vertritt Kollektive und Veranstaltende gegenüber der Berliner Verwaltung, die Flächen ausweisen und Verfahren gestalten könnte. Wir haben Konzepte, Daten und Fachkenntnis. Was wir brauchen, sind Bezirke, die sich mit uns an den Tisch setzen.
Gemeinsam mit dem Kollektiv Steinzeitalter und der Aktion bringen wir die Forderung in den öffentlichen Raum. Installationen am Tempelhofer Feld und im Treptower Park machen sichtbar, was möglich wäre, wenn Berlin Fläche gibt.
Gemeinsam mit dem Kollektiv Steinzeit.alter bringen wir die Forderung in den öffentlichen Raum. Im Treptower Park und vor dem Tempelhofer Feld werden Grünflächen mit Schildern markiert – beschriftet als „Neuausgewiesene Fläche für nicht-kommerzielle Kulturveranstaltungen“. Was wie eine offizielle Beschilderung aussieht, ist eine Intervention: Sie macht sichtbar, was längst möglich sein müsste, und stellt eine simple Frage – warum ist dieser Raum nicht für alle da? Mit der Reaktion der Passant*innen – sie bleiben stehen, machen Fotos, diskutieren – entsteht genau das, worum es geht: Begegnung, Austausch, gelebter öffentlicher Raum. Erholung und Kultur schließen sich nicht aus. Man muss es nur richtig angehen.
Über Steinzeit.alter
Steinzeit.alter ist ein anonymes Berliner Kollektiv, das Clubsterben in Berlin sichtbar macht. Statt klassischen Protestformen arbeitet die Crew mit einem Mix aus Street Art und Inszenierung: Sie platzieren umgestaltete Grabsteine vor geschlossenen oder bedrohten Clubs. Die Steine stehen stellvertretend für Orte, die aus der Berliner Clubkultur verschwunden sind. Orte, die für Begegnung, Subkultur, Kreativität und Diversität stehen. Orte, an denen unvergessliche Nächte stattgefunden haben. Orte, die die Identität der Stadt mitgeprägt haben.
Mit der Reaktion der Passant*innen – sie bleiben stehen, machen Fotos, legen Blumen oder Kerzen hin – entstehen spontane Gedenkmomente mitten in der Stadt. Denn wenn Clubs verschwinden, verliert die Stadt nicht nur einen Veranstaltungsort, sondern auch ein Stück gelebte Gemeinschaft.
Das Kollektiv arbeitet komplett autonom: von der Produktion der Musik für die Videos, über die fotografische und filmische Dokumentation der Aktionen, bis zur eigenen Handarbeit an den Steinen selbst. Diese bestehen oft aus alten Grabsteinen, die sonst entsorgt worden wären. Eine Weiterverwertung, die dem Ganzen noch eine zusätzliche Bedeutungsebene gibt.
Für den nächsten Schritt
Trotz, oder gerade wegen, der begrenzten verfügbaren Flächen und der hohen bürokratischen Hürden wurden in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Ressourcen geschaffen, die Veranstaltende bei der Planung und Durchführung von Free Open Airs (FOAs) unterstützen. Neben praktischen Hilfsmitteln zur Veranstaltungsplanung entstanden auch umfassende Untersuchungen zur Vereinbarkeit von FOAs mit dem öffentlichen Raum sowie konkrete Handlungsempfehlungen für Verwaltung und Politik.
RAUMSONDE hilft Veranstaltenden, durch den komplexen Berliner Genehmigungsprozess für Veranstaltungen zu navigieren. Das Tool zeigt, welche Flächen in der Stadt nutzbar sind, hilft beim Erstellen genehmigungsfähiger Lagepläne und führt Schritt für Schritt durch die Antragsstellung. So wird auch die Bearbeitung auf Behördenseite einfacher und schneller.
Kurz gesagt: RAUMSONDE bündelt das Wissen, das bisher mühsam zusammengesucht werden musste und macht den Weg zur legalen Veranstaltung im öffentlichen Raum ein Stück realistischer.
Ergänzend dazu dient das Free Open Air Handbuch als praktische Unterstützung für die Veranstaltungsplanung. Studien und Publikationen wie das Free Open Air Konzept, die Model Space Studien und sowie Kultur im Grünen setzen sich intensiv mit der Thematik auseinander und formulieren Perspektiven und Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Öffnung des öffentlichen Raums für kulturelle Nutzung.
Weiterführende Links & Ressourcen
- Free Open Air Konzept clubcommission.de/free-open-air-konzept
- Free Open Air Handbuch: https://drive.google.com/file/d/1FiL_w3JWrfFrg7hSkFqzHreDOhju7-OC/view
- Alle Beiträge zu Free Open Airs: clubcommission.de/category/free-open-airs
- Model Space Studien:
https://www.clubcommission.de/wp-content/uploads/sites/2/2019/06/190129-Model-Space-Projekt-Abschlussbericht_opt2.pdf
https://www.clubcommission.de/wp-content/uploads/sites/2/2019/06/MSP_Ver%C3%B6ffentlichung.pdf - Raumsonde raumsonde.org
- Kultur im Grünen berlin.de/sen/uvk
