05.11.12
Sicherung innerstädtischer Flächen für die Clubszene
Clubcommission fordert neue Wege in der Berliner Stadtentwicklung und der Liegenschaftspolitik

Artikelbild 2 (560x560 skaliert)Populäre Musik, Kunst und Clubkultur leisten Pionierarbeit in der Stadtentwicklung. Sie schaffen eine vielfältige Lebenskultur, soziale Bindungskraft, neue Trends und eigene Stadträume. Die entstandene Infrastruktur – Clubs, Lounges, Studios, Musikbühnen, Galerien, Ateliers, selbstorganisierte Stadtraumprojekte und ihre Netzwerke für Medien und Kultur – ist das urbane Labor für ein neues Zusammenleben in den Städten, das Berlin weltweit Beachtung gibt. Und sie bietet Berlin einen veritablen Standortvorteil im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte im Bereich der Kreativwirtschaft (z.B. IT & Internet-Industrie, Mode-Branche, Design- und Filmproduktion). 

Das Image als Mode- und Kunststadt, liberale Partystadt oder auch Hauptstadt des Techno eilt Berlin voraus und hat zu einem überaus positiven Ruf national und international geführt. Die Stadt setzt mit ihren Clubs, Bars und Lounges global beachtete Trends in Sachen Clubkultur. Berlins Musik-und Kulturszene zieht immer mehr junge Leute an. Die Stadt ist zum Sehnsuchtsort ihrer freien Entfaltung geworden. Die facettenreiche Fashion- und Designszene, die boomende Startup-Szene oder auch einige der weltweit führenden Spezialisten im Bereich Musiktechnologie profitieren von Berlins kultureller Diversität, der Dichte an außergewöhnlichen Auftrittsorten und der kreativen Energie des Berliner Nachtlebens. Zehntausende von Arbeitsplätzen sind mit dem Aufschwung von Berlins Kreativwirtschaft in den letzten Jahren entstanden.

Ihren Status hat die Stadt durch eine Vielzahl von selbstorganisierten Subkulturen und Szenen erlangt, die zum Teil mit erheblichen Widerständen ringen. Die unterschiedlichsten Institutionen, Initiativen und Menschen haben daran ihren Anteil. Seit Anfang der 90er-Jahre prägt die Clubszene das Stadtgeschehen Berlins in besonderer Weise. Die Kultur- und Veranstaltungsorte, im speziellen die Clubs, die elektronische Musik spielen, stellen einen der Hauptanziehungspunkte Berlins bei Touristen unter 35 Jahren dar, deren Aufenthalte seit Jahren Berlins Besucherzahlen und Umsätze in die Höhe schnellen lassen. Mit ihrer einzigartigen Programmgestaltung, der ganz speziellen Berliner Durchlässigkeit und Toleranz zwischen den Szenen und dem Bespielen außergewöhnlicher Räume und Locations, gehören Clubs zu den herausragenden Gründen für die weltweite Anziehungskraft der Stadt.

Neuer Sound und Inspiration kommen nicht aus heiterem Himmel. Viele Stars von heute hatten ihren ersten Auftritt in einem kleinen Berliner Club. Die kreativen Macher der Stadt finden hier den Resonanzboden für ihre Ideen und den notwendigen Austausch mit Gleichgesinnten. Eine nachhaltige musikalische Karriere ist ohne den frühen und intensiven Kontakt mit einem anspruchsvollen, kritischen Publikum im kleinen Rahmen kaum vorstellbar. Clubs schaffen das soziale Umfeld für Künstler und Kreative, sie sind die soziokulturelle Laboratorien, in dem neue Sounds und neue Ideen ausgetauscht, getestet und weiterentwickelt werden, bevor sie reif für die große Bühne sind. Erhält Berlin nicht bestimmte Freiräume und kulturell anspruchsvolle, experimentierfreudige Veranstaltungsorte, so wird die Stadt mittelfristig ihrer Kreativwirtschaft schaden. Durch eine bessere Zusammenarbeit und Abstimmung in der Stadtplanung und der Liegenschaftspolitik lässt sich dieser Entwicklung entgegensteuern.

 

Problemstellung:

Der gesteigerte Attraktivität Berlins, die internationale Nachfrage auf dem Anlagemarkt und dem Immobilienbereich sowie eine bisher unzureichende Zusammenarbeit mit der Stadtplanung verschlechtern zunehmend die Rahmenbedingungen für die Musik-, der freien Kultur- und Club-/Veranstalterszene, insbesondere innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings.

• Umfassende Ausweisung von Wohngebieten statt Kern-/Mischgebieten entzieht Veranstaltungsorten in Berlin die baurechtliche Grundlage

• Teils sehr lange und komplizierte Genehmigungsverfahren erschweren oder verhindern kreativen Newcomern mit geringer Finanzkraft den Start als Veranstalter

• Die Reduzierung auf Zwischennutzungslösungen lässt nachhaltiges Handeln und langfristige Planung nicht zu

• Eine Liegenschaftspolitik, die bisher zu wenig auf in der Stadt verwurzelte Akteure Rücksicht genommen hat und kulturell unbedeutenden Investoren mit durchschnittlichen Konzepten zu oft den Zuschlag erteilt hat

• Strenge Auslegung der Ermessensentscheidungen der Behörden (“Einzelfallprüfung”) verhindern Planungssicherheit 

• Strenge Auslegung der Immissionsschutzgesetze beeinträchtigen, behindern oder beenden den Betrieb von Veranstaltungsorten

• Widersprüchliches Verhältnis zwischen der Selbstdarstellung (‚Be in Berlin’) sowie dem Tourismusmarketing für die ‚Kreative Stadt Berlin’ und den oft prekären Rahmenbedingungen der Club- und Künstlerszene, insbesondere im Kontext der kleinen und der gefährdeten Veranstaltungsorte

• Zunehmende juristische Auseinandersetzungen mit (zum Teil nur einzelnen) neu zugezogenen Anwohnern aufgrund erhöhter Lärmempfindlichkeit; anrückende, nicht umfassend geplante und Rücksicht auf Bestandsanlieger nehmende Wohnbebauung (z.B. Fall Knaack-Club)

• Generell steigende Mieten und Pachten in innerstädtischen Bezirken führt zur Verdrängung von Kulturorten

• Erhöhte Kostenstrukturen zwingen zu Kommerzialisierung des Angebots und stärkerem Mainstream, bei dem die Ressource Innovationskraft und kreative Unberechenbarkeit als Standortvorteil verloren geht

• Fehlendes Know-How der Musik- und Clubakteure (Rechte, Regeln, Gesetze, Ansprechpartner, Programme)

 

 

Maßnahmen


Know-How-Bildung und -Bereitstellung

• Schaffung eines koordinierenden, verantwortlichen Ansprechpartners für Clubs, Kunsträume und Musik-Veranstalter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, analog zur Position für Kreativwirtschaft in der Senatsverwaltung für Wirtschaft 

• Teilnahme der Clubcommission in Stadtentwicklungsgremien, Fachausschüssen auf Senats- und Bezirksebene 

• Transparenten Zugang zu Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen in ihrer Planungsphase, regelmäßiger Austausch mit Verantwortlichen der Verwaltung und den Stadtplanern; Zusammenarbeit mit Gutachtern und bei der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange (IHK etc.)

• Neuausrichtung der Liegenschaftspolitik. Die Clubcommission unterstützt hierbei die Initiative ‚Stadt Neudenken’ und stimmt sich eng mit der Koalition der Freien Szene ab

• „Rat der Räume“ – Die Clubcommission unterstützt eine solche Einberufung eines regelmäßigen Gremiums, bestehend aus Personen u.a. der Kultur- und Kreativwirtschaft, der Clubbranche und der Verwaltung zur Kreativraum-/Kreativflächenkoordinierung für kulturelle und künstlerische Nutzungskonzepte, gerade auch in Einzelfällen

• Schaffung eines Förderprogramms für Lärmschutzmassnahmen beim Musicboard (analog Film-/ Kinowirtschaft/ Unterstützung für Digitalisierungs-Umrüstung); enge Zusammenarbeit der Clubcommission sowie Berlin Music Commission und Label Commission mit dem Musicboard, durch Vertreter im Beirat

• Förderungskonzept für ClubConsult, um strategische Beratung für Themen im Tagesgeschäft wie Gründung im Veranstalterbereich, Finanzierung, Immissionsschutz, Rechtslage u.a. anzubieten

• ‚Hilfe zur Selbsthilfe’: Fachliche Unterstützung und Hilfestellung bei der Weiterentwicklung von Konzepten und Immobilienprojekten mit hohem Kultur- und Veranstaltungs-/Clubanteil. Analyse und Beispielbaukasten entwickeln aus Projekten wie Holzmarkt/bar25, Radialsystem, Mellowpark, Muma/ Tresor u.a.

• Vorhandenes Wissen bewahren, Know-How weitergeben und Neues lehren: Den Aufbau einer ‚Clubakademie’ prüfen, in Zusammenarbeit mit bekannten Berliner Kultur- und Clubbetreibern

• Austausch mit Universitäten und Instituten; Förderung für gemeinsame (Forschungs-)Projekte und Monitoring Projekte; „Managementplan für Clubs“

• Mediations-/Beratungsgutscheine

 

Infrastruktur

• Erarbeitung eines Lösungsbaukastens zur Konfliktvermeidung mit Anliegern (Lärm-Absorptionsmatten, mehrsprachige Hinweisschilder, Pinkelsäulen, Pflichtpfand, Flascheneinsammlung, Fahrradständer, Phantomimen-Lärmschutz-Patroullie (Pariser Beispiel), Notrufnummer etc.)

• Sensibilisierung von Touristen durch mehrsprachige Hinweisschilder in U-/S-Bahnen und U-/S-Bahnhöfen bzgl. Abfall- und Lärmvermeidung sowie in Hostels und an den Clubein-/ausgängen

 

Kommunikationsplattformen

• Dialogplattform mit Anwohnern fördern 

• Konflikte mit Anwohnern/anderen Gewerbetreibenden vermeiden und Synergien herausarbeiten

• Info-/Matchingveranstaltungen mit Liegenschaftsfond/ Immobilienwirtschaft/ Investoren

• Informationsveranstaltungen für Politik, Verwaltung und Gewerbe

 

 

Kontakt: 

Clubcommission Berlin  - Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturereignisveranstalter e.V.

Lutz Leichsenring

Marc Wohlrabe

Arbeitsgruppe Stadtentwicklung/Infrastruktur MUSIK 2020 BERLIN

presse@clubcommission.de | Tel 030/ 27 57 66 99