17.01.12
Klubs werden ans Kreuz geschlagen - Kunstaktion und ein Statement!
Zum Anfang der 10 Tage/10 Jahre Klub der Republik-Feier erinnert der KdR am Do. 19.01. um 19 Uhr und das Icon mit einer Kunstperformance vor dem KdR an das, was uns im Prenzlauer Berg verloren gegangen ist. Bringe eine Blume und eine Kerze mit!

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Dazu ein Statement zum Abriss des Klub der Republik von Valeska Hageney!

 

Rocken ist verboten, aber der Bagger darf rollen

In wenigen Tagen muss der Kdr nach 10 Jahren sein Territorium einem Investor übergeben. Dieser plant das Gelände komplett abzureißen und somit auch ein Teil Berliner Baugeschichte.

Ich bin ein typischer Prenzl’bergerin: In den Dreißigern, Akademikerin, nicht gebürtige Berlinerin, in der Kreativbranche selbständig gemacht. Zuerst habe ich in Kreuzberg gewohnt, weil mir der Kiez aber zu öde war, bin ich 2000 in den Prenzlauer Berg gezogen. Hier fand ich das Berlin vor, wofür mich meine Freunde zu Hause beneideten, ein Partykeller und Club nach dem anderen, Bars und Kneipe ohne Ende und diese unendlich langen Nächte....

Die langen Nächte in den Clubs habe ich heute, zehn Jahre später, gegen lange Nächte vor dem Schreibtisch getauscht. Der verkaterte Bett-Sonntag ist zum normalen Arbeitstag oder Putztag geworden. Früher kam ich sonntags um 11 Uhr vormittags nach Hause, heute beginnt um diese Uhrzeit mein Tag, ausgeschlafen, geduscht und munter. 

Alles hat sich in diesen 10 Jahren verändert, auch mein Kiez scheint meinem Lebensstil gefolgt zu sein. Die Clubs und Partykeller, in denen ich meine Nächte verbracht habe, gibt es nicht mehr... eigentlich gibt es das ganze Berlin, das mich so fasziniert hat, gar nicht mehr! 

Wenn mich Freunde besuchen kommen und mich fragen, an was man denn den Osten erkennt, dann kann ich nur noch sagen: „An den pastellgetünchten Hausfassaden und den Eigentumsoasen, die wie Pilze aus dem Boden sprießen.“ Wo sind denn eigentlich die Geschichte Berlins und ihre Zeitzeugnisse geblieben? Der Palast der Republik wurde schon vor einiger Zeit abgerissen. Zum Glück gibt es in der Karl-Marx-Allee die flachen Pavillons noch, in denen mal das Café Moskau, die Mokka-Milch-Eisbar und das Kino International untergebracht waren bzw. noch sind. Die Bagger können ihnen nichts anhaben, denn sie sind einige der sehr wenigen sozialistischen Bauten in Berlin, die unter Denkmalschutz stehen. Im Prenzlauer Berg gibt es auch noch so einen Bau, der dem Bagger leider nicht Paroli bieten kann. In der Pappelallee 81 kann man ihn noch sehen, man sollte sich jedoch beeilen, denn bald wird wieder Berliner Geschichte einer weiteren Eigentumsoase weichen müssen. Zehn Jahre lang hat hier der Klub der Republik (Kdr) für Stimmung gesorgt. Ich selber bin nur wenige Male da gewesen, kann dem Club an sich also gar nicht so sehr hinterher trauern, doch berührt es mich zutiefst, dass wieder ein Stück Kulturgut verschwindet. Das Gebäude in der Pappelallee 81 wurde in der 60er Jahren von der „Produktionsgenossenschaft des Handwerks Linoleum und Teppichboden“ gebaut. In den Räumen, in dem der Klub seine letzen Tage zählt, war ehemals der Kultursaal der Produktionsgenossenschaft. Alles Teil der Berliner Geschichte und sozialistischen Architektur, die nun in einer Staubwolke ihr Ende finden wird. 

In einem Videofilm von einem dieser Investoren, wird der Prenzlauer Berg als außergewöhnlich bezeichnet: „Berlin ist hier am lebendigsten. In der Nachbarschaft unzählige Clubs und Bars, Designer Shops und Galerien... Die vielbeschworene Szene Berlins hat hier ihren Ursprung...“ BITTE??? Schon komisch, dass man einerseits mit der Lebendigkeit von Clubs, Bars und kreativer Szene wirbt, andererseits diese aber abreißen lässt, bzw. die Kreativen vergrault, weil das Leben in diesem außergewöhnlichen Bezirk auf Dauer zu gewöhnlich und teuer wird. 

Es geht doch aber auch ganz anders: In der Pappelallee gleich neben der 81, dort wo früher das Finanzamt war, ist heute ein Coworking Space, das Mobilsuite. Freiberufler, Startups und andere junge Kreative verwirklichen hier ihre Träume und Ideen. Die Szene ist jung. Die Szene ist hip. Die Szene ist kreativ. Die Szene ist Prenzlauer Berg. Noch! Eigentlich braucht Ihr Investoren uns Kreative doch, damit wir Eure Propaganda vermarkten. Wir machen Berlin doch erst sexy! Ja dann lasst uns doch ein paar Orte, an denen wir uns ausleben können. Das vordere Gebäude mit der Glasfassade, wo das Kdr noch ist, wäre ein idealer Ort dafür. Hier ließe sich wunderbar ein Ort für kreative Kunst- und Kulturgeister schaffen. UND man könnte auch noch ein wenig Architekturgeschichte bewahren. Ihr braucht uns „junge Wilde“ doch, ohne unsere innovativen Ideen und unseren Charme wäre Berlin doch genauso langweilig wie Bottrop. Was hat es denn dann noch für einen Anreiz hierher zu ziehen? 

Ich hatte enormes Glück, als ich einen Investor begegnet bin, der mir eine Chance geboten hat, von der ich nie zu träumen gewagt hätte. Einige Jahre habe ich für diverse Kunstgalerien gearbeitet und dann beschlossen, mich auf diesem Gebiet selbständig zu machen. Eine Galerie wollte ich jedoch nicht, also habe ich den Weg als Kunstvermittlerin gewählt. Irgendwann drängten mich meine Künstler auch dazu, Ausstellungen zu organisieren. Ich selber wollte das auch. Also suchte ich Räume für temporäre Ausstellungen, ein nahezu unmögliches Unterfangen, wenn man nicht das nötige Kleingeld hat. 

Dann lernte ich diesen Investor kennen, der eine Raumerweiterungshalle aus DDR Zeiten erworben hatte und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte diese zu bespielen. Als ich das unsanierte Stahlgerüst zuerst sah, dachte ich, der spinnt. Da gibt es ja gar keine geraden Wände, wie soll ich da Kunst zeigen! Andererseits war ich aber fasziniert von dieser komischen zusammenziehbaren Architektur und dachte mir: „Warum nicht? Das ist Berlin!“ Nun ist die REH KUNST aufwändig und mit viel Liebe zum Detail saniert worden, alles aus den Privatmitteln des Investors. Obwohl es die Halle seit nicht einmal einem halben Jahr gibt, hat sie schon viel Aufmerksamkeit erregen können. Der Tagesspiegel widmete ihr fast eine ganze Seite, das Radio kam und viele andere Journalisten folgten. 

Erst letzte Woche eröffneten wir die dritte Ausstellung. Sie war so gut besucht, dass wir uns wie Ölsardinen in der Halle drängten. Und das fernab der gängigen Hotspots der Kunstszene! Erst vorhin schrieb mir ein Besucher „Es ist gut, dass sich deinetwegen dieses ehemalige DDR Gebäude in einen kreativen Kunst-Ort verwandelt hat. Ich bin auf die nächste Ausstellung gespannt.“ Eigentlich hätte man so einem Projekt nie eine Chance gegeben, nur verrückte Kreative konnten damit etwas anfangen. Heute zieht es nicht nur die Nachbarschaft an, die Besucher kommen auch aus Charlottenburg oder Potsdam. Obwohl noch Erklärungsbedarf nötig ist, sind die Besucher begeistert. Sie kommen nicht nur wegen der Kunst, sondern auch wegen der Halle an sich. Was war das mal? Wie funktioniert die Halle? Kann man die heute noch zusammenschieben? Wie hat man die hierher transportiert? Einerseits sind es Nostalgiker, welche die Halle noch von „damals“ kennen. Andererseits sind es die Wessis, die so was noch nie gesehen haben. Architekten kommen auch viele, in Berlin ist es die einzige Halle ihrer Art, die saniert und begehbar ist. Eine weitere Raumerweiterungshalle ging nach Kalifornien, da gibt es ein Wende-Museum – in Kalifornien. Man müsste den Amerikanern eigentlich dankbar sein, dass sie deutsches Kulturgut für uns verwahren, denn wir wollen viel lieber den Bagger ran lassen. Als der Krieg im Irak anfing, sagte mal ein amerikanischer Soldat oder Offizier zum Fernsehen „Let it roll!“ Demnächst wird es in der Pappelallee 81 auch heißen „Lasst ihn rollen!“ Menschen werden hier zum Glück nicht sterben, doch ein Stück Prenzlauer Berg schon. 

 

Valeska Hageney